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Prof. Kolland
Prof. Kolland

Aktive Lebensgestaltung im Alter:

Chancen und Herausforderungen

Ao. Univ. Prof. Dr. Franz Kolland 

Dienstag, 28. Oktober 2010 


Dank des Rückgangs der Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie der Fortschritte in der Geriatrie haben die Menschen in den industrialisierten Ländern im Durchschnitt 25 Lebensjahre hinzugewonnen. Dies entspricht annähernd der über die vergangenen 5000 Jahre zugenommenen Lebenserwartung. Es sind sowohl biologische als auch Umweltfaktoren, die unsere Langlebigkeit bestimmen. Zu den Umweltfaktoren gehören etwa ein entsprechender Lebensstandard, Ernährung und Hygiene. Zwar war es auch in früheren Epochen möglich, dass Menschen ein hohes und sehr hohes Alter erreichten, aber erst im späten 20. Jahrhundert wurde das hohe Alter zu einer erwartbaren Norm für eine Mehrheit der Bevölkerung. Arthur Imhof beschreibt diese Entwicklung als eine von der unsicheren zur sicheren Lebenszeit.

Wovon hängt das Wohlbefinden im Alter ab? Wohlbe­finden ist deutlich von der Qualität der Sozialbeziehungen abhängig. Soziale Beziehungen bilden das Rückgrat für gesell­schaftliche Integration, für die Lösung von Aufgaben, für kulturelle und Frei­zeitaktivitäten. Befriedigende Kontakte zu anderen Menschen heben das Selbstwertgefühl besonders dann, wenn die Kontakte oder Beziehungen geeignet sind, die Selbständigkeit und Wirksamkeit der älteren Menschen zu fördern. Gute soziale Einbindung und soziale Wirksamkeit älterer Menschen kann insbesondere dort erreicht werden, wo die bestehenden sozialen Beziehungen durch emotionale Nähe, Intimität, Vertrauen und Gegenseitigkeit gekennzeichnet sind. Menschen, die zu Personen besonderen Vertrauens Zugang haben, leben länger. Von anderen „gebraucht“ bzw. geachtet und anerkannt zu werden, ist ein ganz entscheidender Antrieb im späten Leben.

Die Lebensqualität im Alter ist weiters sehr deutlich vom Gesundheitszustand beeinflusst. Ein Charakteristikum der Erkrankungen im Alter ist die Multimorbidität (gleichzeitiges Vorhandensein mehrerer zu behandelnder Krankheiten): Bei über 70-Jährigen können 3 bis 9 Krankheiten gleichzeitig erwartet werden. Das Auftreten von typischen geriatrischen Syndromen wird vor dem Hintergrund von Multimorbidität als Frailty bezeichnet und bedeutet Gebrechlichkeit, Hinfälligkeit und Pflegeabhängigkeit.

Auf der individuellen Ebene ist die Selbstbestimmung die zentrale Herausforderung sozialer Wohlfahrt im Alter. Diese Frage ist eng mit der Würde des Alters verbunden. Hier ergeben sich besondere Herausforderungen hinsichtlich des 4. Lebensalters. Während die Freiheit des Handelns und des Willens im 3. Lebensalter gut möglich ist, ist diese Situation im 4. Lebensalter wesentlich schwieriger. Sie ist schwieriger, wenn kognitive und körperliche Einschränkungen gegeben sind, die Schutz und Unterstützung verlangen. Hier braucht es eine neue Sorgekultur, die auch die Selbstbestimmung neu definiert. Eine Sorgekultur für Menschen, die auf andere zur Herstellung und Sicherung ihrer Würde angewiesen sind, braucht ein ausbalanciertes Würdekonzept. Wird hier nur von der Autonomie des Individuums ausgegangen, kann das zu einer Überforderung führen und letztlich zu Selbstschädigungen. Ein ausbalanciertes Würdekonzept lässt die autonome Entscheidung als Ausdruck individueller Stärke zu, aber ermöglicht es auch, sich in die Verantwortung anderer zu begeben, und zwar mit der Zuversicht, man sorge sich in Respekt vor mir um mich.

Angeregt wird eine Diskussion um eine neue Alterskultur. Sie wird angeregt aufgrund der Pluralisierung des Alters, der Unterscheidung zwischen jungen und alten Alten und der zwischen Drittem und Viertem Lebensalter. Damit soll auch verdeutlicht werden, dass die Älteren keine homogene, benachteiligte Gruppe darstellen. Die große generative Chance kultureller Gegenwarts- und Zukunftsdeutung als auch Zukunftsgestaltung liegt sowohl im Tatbestand pluraler Alterskulturen (Stichwort: Bürgergesellschaft) als auch im Potential einer spezifischen Alterskultur (Stichwort: Generativität).

Gerade eine Betrachtung des Alters, die vom gesamten Lebenslauf ausgeht und die Lebensentwicklung als Chance der Ausweitung und Vertiefung von Interessen und Erhöhung der Selbstbestimmung auffasst, sollte in Prozessen der Kultivierung denken. Es geht nicht nur um Selbständigkeit und Eigenkompetenz im Alter, es geht darüber hinaus um Selbstbestimmung und Ausschöpfung des Alterspotentials. Alterskultur wird einerseits durch die Integration von Traditionen und andererseits von Neuerungen und Erfahrungen gelebten und bewusst gemachten Daseins ermöglicht. Alterskultur ist Herausforderung zur individuellen Selbstgestaltung und Ermutigung zur Eigentätigkeit. Freiheit ist das Leben als Tätigkeit (Dahrendorf  2007), nämlich als autonomes, selbstbestimmtes Handeln. Und solche Tätigkeit beginnt nicht erst in der Altersfreizeit oder überhaupt jenseits der Arbeit, sondern in der Arbeit selbst.

Wesentlich ist, dass sich bei der Untersuchung der Lebensformen des Alters eher vielfältige und widersprüchliche Alterskulturen zeigen denn eine homogene Alterskultur. Ausgebildet werden können indivi­duell und in Rückbindung an Gruppen verschiedenartige Aktivi­tätsstile. Den vielfältigen Aktivitätsstilen kann eine eigenständige Kraft mit eigener Qualität zugeschrieben werden. In diesem Zusammenhang kommt es zu einer Aufwertung der Bildung im späten Leben. Ebenso wie sich nachfolgende Generationen lebenslang weiterbilden müssen, sollten sich auch ältere Menschen Bildungs- und Lernangeboten öffnen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es günstig, Bildung neu zu formulieren. Bildung muss mehr sein als Vorbereitung für Berufstätigkeit. Sie ist Einstellung auf ein komplexes Leben mit langen Phasen der Selbstverantwortung.

Fassen wir zusammen: Nicht demografische Entwicklung und Altersstrukturwandel ergeben - wie in der öffentlichen Diskussion häufig unterstellt wird - ursächlich die bislang ungelöste Herausforderung an Gesellschaft. Altern kann nicht zureichend begriffen werden, wenn es als Problem für die Gesellschaft begriffen wird. Erst im Zusammenhang mit den Prozessen der Veränderung in Ökonomie, Politik und Kultur, am Arbeitsmarkt und bezüglich der Sozialpolitik und der Familie tragen auch demografische Entwicklung und Altersstrukturwandel dazu bei, dass die bisherige institutionalisierte Vergesellschaftung des Alterns zunehmend problematisch wird. Altern ist eine Aufgabe der Gesellschaft.

Walter Fend