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Halbtagsseminar

Unser kostbarstes Gut – die Zeit

Barbara Knittel

Dienstag 25. November 

Bildungshaus Batschuns

 

 

Der Vortrag von Frau Mag. Barbara Knittel fand sehr großen Anklang. Dankenswerterweise hat Frau Knittel den Vortrag in schriftlicher Form den Teilnehmern nachgereicht. Hier ein paar Auszüge des Vortrags:

 

„Manchmal gebe ich Menschen, die zu mir kommen, einen dicken Wollknäuel in die Hand - als Bild für das Zeitgeschenk ihres Lebens. Nur, das ist mit einem und verbunden. Und es gibt einen Anfang und ein Ende. Damit kommt die Frage dazu: Ist die Zeit von Geburt bis zum Tod eingebunden in etwas viel Größeres, das über Raum und Zeit hinaus geht? Ich denke, nur aus dieser Perspektive, dass Zeit und Endlichkeit zusammen gehören, kann man von der Zeit als dem kostbarsten Gut sprechen.

Zeit lässt sich nicht halten, auch nicht besitzen.

Wenn ich den Menschen einen Wollknäuel in die Hand gebe, dann ermutige ich sie, den Wollknäuel auszurollen. Der Anfang des Fadens steht somit für den Anfang ihres Lebens, für die Geburt. Natürlich könnten sie von da aus den Faden ganz gerade ausspannen, nach Lebensjahren chronologisch geordnet, mit immer gleichen Abständen zwischen den Jahren. Die sog. Weltzeit. Das ist ein Zeitmaß, das von den griechischen Philosophen als chronologische Zeit bezeichnet worden ist, geordnet nach dem Takt der Uhr, messbar, gerade laufend.

 

Der Moment ist unhaltbar und kann doch als gedehnt erfahren werden und hat in der Erinnerung sogar etwas Bleibendes.

In der Forschung zur Zeiterfahrung gibt es interessante Entdeckungen. In der Gehirnforschung hat man bei unterschiedlicher Zeiterfahrung Aktivitäten in unterschiedlichen Gehirnregionen gemessen. Wenn Menschen sich auf ihren Atemrhythmus oder auf ihren Herzschlag zentrieren, z. B. in der Meditation oder in Entspannungsübungen, oder in der Konzentration auf bestimmte Körpervorgänge, auch in Ruhe bedingt durch Erkrankungen, dann erleben Menschen die Zeit gedehnt, verbunden mit einer hohen Präsenzerfahrung. In hoher Erregung verbunden mit starken Emotionen (Freude, Schmerz, Angst), kann die Zeit auch als sehr gedehnt erlebt werden. Beide Erfahrungen sind meist mit einer starken Präsenz verbunden. Passiert das zu wenig, dann werden bestimmte Gehirnregionen (posteriore und anteriore Insula) zu wenig stimuliert.

(Marc Wittmann in einem Vortrag auf den Lindauer Psychotherapiewochen 2014).

Ohne solche Präsenzerfahrungen wird die Zeit subjektiv als schneller erlebt. Wenn die Zukunft einen gefangen nimmt oder die Vergangenheit einen zurückzieht, dann treten in der Zeiterfahrung die Rhythmen zurück.

Im Deutschen gibt es das Wort ‚Feierabend‘. Das ist nicht einfach Ende des Arbeitstages und Pause von der Arbeit, sondern meint eine ganz andere Qualität von Zeit. Der koreanische Philosoph Byung-Chul-Han meint in einem Interview in der Zürcher Tageszeitung in diesem Herbst: „Heute fehlt der Zeit der ordnende Rhythmus – dieser fehlende Rhythmus lässt die Zeit gleichsam schwirren. Es existieren keine Dämme, keine Schwellen mehr, die den Fluss der Zeit regulieren. Dann passiert ein Schweben in der Zeit.“  Der Philosoph Han spricht damit besonders die Digitalisierung an. Ständig in irgendeiner Weise online zu sein. „In der digitalen Ordnung können wir ständig schweben, aber wir hetzen nur. Man muss der Zeit den Takt und den Rhythmus zurückgeben“.

Die Zeiterfahrungen älterer Menschen sind von etwas Besonderem gezeichnet. Das, was jüngere Menschen so in den Bann ziehen kann, das ist der Sog in die Zukunft. Im älter-werden verliert das an Kraft, aber der Sog in die Vergangenheit nimmt zu. Erinnerungen sind ja auch eine Würdigung des Vergangenen, aber manchmal wirkt es wie eine Verwechslung in der Zeit. Gehört die Angst, die jetzt aufkommt, wirklich hierher, oder mischt sich vergangene Angst dazwischen? War das Glück wirklich nur in der Vergangenheit möglich, in der z. B. liebe Menschen noch da waren, und man selbst noch gesünder war?

 

Unser kostbarstes Gut – die Zeit – aus dem Blickwinkel älterer Menschen,

das kann zu einem Beitrag werden, der auch anderen zu Gute kommt. Dieses – „Ich habe keine Zeit“ – von dem das Leben so vieler Menschen geprägt ist, kann sich weit bis ins Alter ziehen. Wenn mir aber mein verbleibendes ‚Zeitgeschenk‘ bewusst wird, ist es leichter, einen Gedanken von Jan Gebser aufzunehmen. Er meint: „Ich habe keine Zeit ist dasselbe wie – ich habe keine Seele“. Das heißt ja, dass wir in unserer Gesellschaft in Gefahr sind, die Seele zu verlieren, weil die Rhythmen, die Augenblicke, die Zeitdehnungen zu wenig erfahren werden. Die Verlangsamung im Alter kann uns demnach beseelen! Ich möchte da nichts beschönigen. Die Verlangsamung in der Beweglichkeit, in den Gedanken, das braucht Gewöhnung. Noch schwieriger wird es in Erkrankungen. Da entkomme ich meinen Körperrhythmen gar nicht mehr, im Gegenteil, ich muss mich denen zuwenden. Wenn die Nächte lang werden, das Gehen, Stehen und Liegen beschwerlicher werden, dann ist da nichts schön zu reden. Und trotzdem kann die Zeit beseelter werden, die sogenannte innere Uhr in ihren Unterschieden kann besser gespürt werden. Verbunden damit merke ich auch meine innere Gestimmtheit besser. Die Sensibilität für die sog. innere Stimme kann wachsen. Gandhi hielt dieses Lauschen auf die leise innere Stimme für ganz wesentlich: „In dem Augenblick, da ich die leise innere Stimme unterdrücke, werde ich aufhören nützlich zu sein“ (Gandhi). Ich formuliere es jetzt anders: "In dem Augenblick, da ich die leise innere Stimme wahrnehme, bin ich für mich und andere nützlich“. Dazu kann man auch Altersweisheit sagen.

 

 

Angeregt zum Weiterdenken und auf unsere leise, innere Stimme zu hören, gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem gemeinsamen Mittagessen auf den Heimweg.

Das Seminar bot einen sehr schönen Einstieg in die Adventzeit.

 

Mag. Rosmarie Breuß