Halbtagsseminar

"Ich sollte der Nächste sein..."

Samstag, 25. Oktober 2025, 9.45 bis 12.30 Uhr  

Bildungshaus Batschuns

Leoluca Orlando, ein Politiker im Fadenkreuz der Mafia


Ein Revoluzzer auf dem Bürgermeistersessel


Fünfmal war Leoluca Orlando Oberbürgermeister von Palermo, ehe er sich entschied als Abgeordneter für das EU-Parlament zu kandidieren. Dort sitzt der 77-Jährige mittlerweile und führt seinen Kampf gegen Korruption und mafiöse Strukturen weiter.

Der große Saal im Bildungshaus Batschuns war beim vom Team ALTER-nativ organisierten Vortrag des Sizilianers bis auf den letzten Platz gefüllt. Sogar eine Live-Übertragung in einen weiteren Saal musste angeboten werden, um allen 170 Interessierten Platz für eine Veranstaltung zu bieten, die in Vorarlberg selten angeboten wird.

Mit der Einladung von Leoluca Orlando hat das Team von ALTER-nativ offenbar den Nerv der Zeit getroffen. Niemand musste das Kommen bereuen.

Mit einer seltenen Mischung aus persönlicher Offenheit, kritischen Anmerkungen, einer großen Portion Humor und Selbstironie und einem radikalen Bekenntnis zur Bekämpfung der Mafia gelingt es Orlando seine Zuhörenden zu fesseln und mehr als eine Stunde in Bann zu ziehen.

Wenn er berichtet, dass er bereits mit 14 in seiner Schule in Palermo ein Seminar gegen die Mafia organsiert hat und sein Präfekt, ein Jesuit, seinen Vater aufgeregt nach dem Grund fragt, warum er denn so etwas mache, wo es doch in Palermo keine Mafia gibt, dann gibt er ganz schnell die Antwort. Der besagte Jesuit war zwar kein Mafiosi aber der beste Freund des Mafiabosses. Damit zeigt er auf, dass die Mafia darum so erfolgreich war, weil sie der Omerta verpflichtet ist. Das ist der Ehrenkodex der Mafia. Der bedeutet, dass alle Beteiligten eine absolute Schweigepflicht gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem den Behörden haben. Auf diesem Schweigen beruht der Erfolg dieser kriminellen Organisation.
Und dieses Schweigen aufzubrechen hat sich Orlando auf die Fahnen geschrieben.

Mit seiner eigenen Liebesgeschichte zeigt er auf, welchen Anteil die Frauen im Kampf gegen die Mafia haben. Als er im Alter von 18 Jahren bei einem Aufenthalt in London in der Tate Galerie seine heutige Frau, auch eine Sizilianerin, kennenlernte, hat sie ihn gefragt, was er denn gegen die Mafia unternehmen würde. Das war für ihn Auftrag genug.

Ohne die Unterstützung der Frauen Palermos hätte er seine Mission nicht erfüllen können. Gegen Frauen und Kinder geht die Mafia in der Regel nicht vor.  Auf der Todesliste stehen vielmehr Männer, die dem organisierten Verbrechen der Mafia gefährlich werden.

Seitdem engagiert er sich mit allen Kräften gegen die Unterwanderung der Gesellschaft durch eine Organisation, deren Ziel es ist, das menschliche Zusammenleben zu verderben und vor allem Gewinne in Millionen- und Milliardenhöhe zu machen.

Ganz unkonventionell und völlig anders geht er auch mit einem wesentlichen Konfliktthema unserer Zeit um. Für ihn gibt es keine illegal Zugewanderten. Wer in Palermo lebt, ist ein Palermito. Ganz egal, wo er oder sie geboren wurde oder welche Religion er oder sie hat. Augenzwinkernd bezeichnet er sich daher auch als „Rassist“. Er ist überzeugt, dass es nur eine menschliche Rasse aber 8 Milliarden Individuen auf der Welt gibt. Jeder Mensch ist anderes und daher für die Gemeinschaft wertvoll. Mit dieser Sicht auf die Gesellschaft hat er viel dazu beigetragen, dass Palermo heute eine Stadt des friedlicheren Miteinanders ist als es viele Jahrzehnte lang war.

Eindrucksvoll auch sein Bild eines funktionierenden Zusammenlebens. Dafür beschreibt er einen sizilianischen Karren. Der hat zwei Räder. Nur wenn beide Räder gleichmäßig laufen, kommt der Karren voran. Das eine Rad ist die Sicherheit durch Polizei und Gesetze. Das andere aber die Kultur, Bildung, das Schöngeistige. Wenn eines der beiden Räder klemmt, dann steckt der Karren fest.

Sein Appell zum Schluss stößt auf viel positive Resonanz. „Schweigt nicht, sprecht Unrecht und ungerechte Strukturen an. Nur so wird das System der Gewalt, der Korruption und des Verbrechens durchbrochen!“

Orlandos Leben ist eines unter ständiger Beobachtung. In Italien bewegt er sich nur im Schutz der Polizei. Jeder Auslandsaufenthalt wird den Behörden in Italien genannt. Wer das Glück hat, ihn persönlich zu erleben, der spürt, dass Zivilcourage für ihn nicht nur ein Schlagwort ist, sondern sein Lebensinhalt.

Und wer mehr über das Leben von Leoluca Orlando wissen will, dem sei das Buch „Ich sollte der Nächste sein“ Herder Verlag, empfohlen. Im Buchhandel leider vergriffen. Auf diversen Buchplattformen gebraucht aber noch erhältlich.

 

 

Peter Kopf

Team ALTER-nativ